Signs of Triviality

Opinions, mostly my own, on the importance of being and other things.
[homepage] [index] [jschauma@netmeister.org] [@jschauma] [RSS]

New York State of Mind

Nahezu drei Wochen ist es nun her, dass der Anblick dieses klaffenden brennenden Lochs im World Trade Center, der daraus aufsteigenden schwarzen Rauchwolken zu unwirklich anmutete um mich die Ereignisse direkt begreifen zu lassen. Nahezu drei Wochen seit der beangstigende Anblick das zusammenfallenden Nordturms mich in die Knie gezwungen hat. Drei Wochen, und noch immer steigt Rauch auf aus den Schutt- und Aschebergen. Rauch der nach verbranntem Plastik richt, Rauch der nach Stahlarbeit schmeckt.

Selbstverstaendlich haben diese drei Wochen alles veraendert, und ebenso selbstverstaendlich ist alles beim Alten geblieben. Es scheint, als waere dies der Ausnahmezustand in dem sich New York konstant befindet, vielleicht schon immer befunden hat: Je mehr die Dinge sich aendern, desto mehr bleiben sie beim Alten. Oder werden hier lediglich Aenderungen so schnell aufgesogen, Bestandteil des Alltags gemacht, dass es scheint als waeren sie schon immer gewesen was sie doch erst werden: New York?

Der unumgaengliche, der ploetzliche Schock liess die gesperrten Strassen bar jeden Verkehrs umso gespenstiger wirken weil er Stillstand demonstrierte. Doch bereits am naechsten Tag spuerte man, dass, auch trotz des anhaltenden Verkehrs-Verbots unterhalb der 14ten Strasse, die Stadt bereits begonnen hatte, sich zusammenzuraffen. Die Muellabfuhr kam und die Post wurde ausgetragen wie jeden Tag. Die vielen Menschen die an diesem Mittwoch auf den Strassen anzutreffen waren, wirkten betroffen - natuerlich - aber auch trotzig, entschlossen. Traurig, aber nicht hilflos. An diesem 12ten September sah und spuerte man viel von dem, was New York ausmacht, und was man sonst nur nach einiger Zeit und eher unterbewusst aufsaugt, geniesst und vielleicht auch ein wenig selber ausstrahlt: Ehrlichkeit.

Die Toleranz, die aus dem Zusammenleben mit mehrern Millionen Menschen der verschiedensten Herkuenfte resultiert ist zwar ebenso typisch, jedoch offensichtlich und eine Selbstverstaendlichkeit. Vielleicht eben deswegen wird sie haeufig herausgestellt wenn vom New Yorker Alltagsleben berichtet wird; der wahre Kern der New Yorker Menschen ist sie jedoch nicht.

Mit der gleichen manchmal kalt wirkenden Selbstverstaendlichkeit mit der sie (wir) in den Strassen an den Obdachlosen vorbeieilen, mit der wir einem anderen ein paar Muenzen oder Scheine zustecken begaben sich so viele New Yorker am Morgen des 11ten September auf zum naechsten Krankenhaus um Blut zu spenden, gaben Geld und Kleidung, wollten helfen, die Schuttberge abzutragen. Es ist die gleiche Ehrlichkeit, mit der sich der Bartender der Kneipe um die Ecke erkundigt wo man denn gewesen sei, nachdem man einige Wochen nicht mehr vorbeigeschaut hat. Die Ehrlichkeit mit der sich Leute eben nicht immer entschuldigen wenn sie einen anrempeln. Und es ist eben auch die Ehrlichkeit, mit der nahezu jeder Buerger der am Abend des 12ten Septembers auf den Strassen anzutreffen war seinen Stolz durch die Betroffenheit zum Ausdruck brachte, mit der Solidaritaet und Hilsbereitschaft ploetzlich ebenso selbstverstaendlich wurden.

Es ist eine Ehrlichkeit, die Patriotismus ausstrahlt. Ein Patriotismus zu New York, dieser klischee-beladenen und doch so untypischen Stadt, die schon immer Amerika ebenso repraesentierte, wie sie gleichzeitig ebenso un-amerikanisch ist. Patriotismus jedoch ist eine Sache die mir als Deutscher immer einen fahden Beigeschmack zu haben schien; ein Begriff den hirnlose Rassisten gerne verfaelschen, verbiegen und dann als Schild benutzen. Doch wie gerade in den letzten Tagen wiederholt bemerkt, so kann Patriotismus verschiedene Gruende haben: einerseits die Fehlinterpretation, dass das eigene Tun aufgrund der Herkunft allein abgesegnet werden kann; andererseits der Stolz als Teil einer Gemeinschaft zu dessen Erfolg beizutragen.

Was fuer ein wichtiger Bestandteil der Stadt die Zwillingstuerme des World Trade Center waren fiel mir ironischerweise nie auf. Hingenommen habe ich sie als unumstoessliche Fakten ebenso wie das Empire State Building - Orientierungspunkte die die Skyline ausmachten. In den drei Jahren seid ich hier in New York lebe habe ich sie jeden Tag wahrgenommen; mal als Teil des Alltages, mal als Tourist (oder Touristenfuehrer), mal als Teil des Geschaeftslebens. Nach jedem Urlaub oder Besuch in Deutschland jedoch signalisierten sie mir - sichtbar bereits vom fernen Flughafen - dass ich wieder bin, wo ich hinghoere.

Wenn ich aus dem Tunnel in Manhattan herauskomme und das pulsierende Leben spuere, die gewohnten Strassen hinab fahre - immer wieder gibt mir dies das Gefuehlt, nach Hause zu kommen. Und doch ist da dieser eine Moment, diese eine besondere Stelle wenn man aus New Jersey in Richtung Holland-Tunnel faehrt und aus einer Unterfuehrung herauskommt: Mit einem Male sieht (sah!) man majestaetisch und elegant die gigantischen Tuerme vor sich. Wie oft habe ich diesen Moment erlebt und konnte mir nicht helfen, zu laecheln. Von nun an wird dies ein schmerzlicher Moment sein.

Drei Jahre lang bewunderte ich jeden Tag von Hoboken, wo ich zur Universitaet ging und nun meine Arbeitsstelle habe, die Skyline. Ruhig schien die Stadt von hier; ruhig aber immer lebendig. Beruhigend und doch aufregend. Jeden Tag der letzten drei Wochen, und jeden Tag von nun an, wenn ich nun ueber den Hudson schaue schmerzt die Abwesenheit des World Trade Center, das Fehlen der Tuerme und die Ansicht des immer noch qualmenden Loches.

Doch wenn ich abends wieder nach Hause komme, aus der U-bahn steige und die Lebendigkeit meiner Wohngegend spuere; wenn ich ich die Blumen und Kerzen vor den Feuerwehrwachen und doch die Menschen ihrem Alltag nachgehen sehe, dann fange ich zum ersten Mal in meinem Leben an, diesen Patriotismus zu begreifen, zu einem gewissen Teil ja selber zu spueren.

Oktober 1, 2001

English version


[09/11] [index] [Extracting a file from a .deb]