Signs of Triviality

Opinions, mostly my own, on the importance of being and other things.
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Macht die Tagesschau zur Show des Tages!

TagesschauNachrichten!! Eine Vielzahl an Möglichkeiten eröffnet sich einem, wenn man über sie nachdenkt. Es gibt gute ("Freibier!") und schlechte Nachrichten ("Besetzt!"). Es gibt erschreckende ("Kohl will wahrscheinlich doch noch einmal kandidieren"), empörende ("Kohl kandidiert noch einmal") und beängstigende ("Neuesten Hochrechnungen zufolge wird Kohl auch diese Wahl gewinnen"). Jedoch gibt es leider, leider keine wirklich interessanten Nachrichten mehr.

Zumindest nicht in der Tagesschau vom 15.06.1997. Der Unterhaltungswert dieser Sendung ergibt sich nur aus einer gewissen Neugier, die aufzubringen lediglich der tägliche Zuschauer in der Lage ist. Nehmen wir einmal an, ein beliebiger Student, der sich eher selten motiviert genug fühlt die Tagesschau zu verfolgen und so sein politisches Allgemeinwissen zu erweitern, nehmen wir also an, dieser junge Mann hätte an besagtem Tag den Fernseher eingeschaltet und sich die gesamten Nachrichten in einem Stück angeschaut, ohne wegzuzappen. Wohl kaum hätte er bei dem Hauptthema "Gipfeltreffen der EU" mit stockendem Atem den Verlauf der Dinge verfolgt. Ebensowenig dürften Kohls Rede in Bad Wörishofen oder die Kürzungspläne bei Beamten seine ungeteilte Aufmerksamkeit einfangen. Dass sich unser fiktiver Student auch nicht über den Brandanschlag auf Husum oder neue Kämpfe im Kongo besonders freut, ist jedem klar, jedoch können solche Nachrichten einen abgebrühten Fernsehkonsumenten nicht schockieren. Die Tagesschau ist nun mal nicht für Leute wie ihn geschaffen worden.

Gute Zeiten, Schlechte ZeitenAus diesem Grunde schlage ich eine Umstrukturierung der Tagesschau zu einer Art Soap-Opera vor. Eine Endlosserie ist sie schließlich schon lange. Ebenso erfüllt sie das wichtigste Kriterium einer Seifenoper: Die Themen müssen aktuell, modern sein, und sie wiederholen sich in regelmäßigen Abständen mit nur geringen Veränderungen. Die Nachrichtenredaktion der Tagesschau beherbergt somit ein Potential, mit dem sie durchaus in der Lage ist, jede weitere durchschnittliche Fernsehserie in den Schatten zu stellen. Hierzu müßte natürlich als erstes der Titel geändert werden. "Tagesschau" - damit läßt sich doch keiner vor den Bildschirm locken. Besser: "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", leider jedoch schon mit einer, im Vergleich mit diesem Konzept nicht annähernd gelungenen Soap besetzt. Also, neuer Name: "Das Leben stinkt - Die Show des Tages". Ja, ich denke, damit ließe sich was anfangen.

Zweite formelle Änderung: In der Programmzeitschrift steht nun unter dem Titel in zwei, drei kurzen Sätzen, was sich so ereignen wird. Zum Beispiel so: "Während sich Jupp auf seinen Wechsel zu Real Madrid freut, muß Helmut eine wenig erfreuliche Erfahrung machen: Bereits bei seiner Ankunft in Bad Wörishofen demonstrierten knapp 3000 Allgäuer Landwirte mit 'Kohl muß weg'- und 'Pfui'-Rufen. Eine schockierende Entdeckung wird gemacht: Helmut Fischer ist tot. Trauer auch im Hause Waigel: Pokergesicht Theo kam als erster." Tja, so könnte ich mir einen feinen Untertitel vorstellen, das reizt wenigstens zum einschalten.

Einmal eingeschaltet sollte eine verlängerte Version der Titelmelodie (als solche schon recht gut geeignet, weil dramatisch und prägnant), die nun natürlich auch einen Text bekommt, so im Sinne von "Es wird viel passieren... ooohhoooo", ertönen. Genaueres müßte ich erst noch austüfteln. Zuvor werden die Geschehnisse bis zum aktuellen Moment durch kurze Einspieler dem Zuschauer noch einmal ins Gedächtnis gerufen. Ansonsten wäre an dem Konzept der Sendung nicht viel zu ändern.

Helmut MarkwortDie durchaus provokative Haupteinstellung (neutraler Beobachter liest die Ereignisse vor) sollte unbedingt beibehalten werden. Jedoch könnte man mit der Zeit an dieser Stelle einen running gag einbauen, vielleicht einige pikante Anspielungen auf das sexuelle Verhältnis des Vortragenden zu seiner momentanen Beziehung. Ganz wichtig: Die Sprache muß wesentlich emotionaler (bissige Zungen sagen: "reißerischer") werden. Der Fan will schockiert werden!! "Mehr als eine Woche nach der Parlamentswahl in Algerien sind erneut Massaker an der Zivilbevölkerung verübt worden." Als Anfang nicht schlecht, doch dann... "Zeitungsberichten zufolge ermordeten vermutlich islamische Fundamentalisten 13 Bewohner eines Dorfes westlich der Hauptstadt Algier". Nein, nein, was wir da brauchen sind Fakten, Fakten, Fakten... und an die Zuschauer denken. Im Klartext also: Blut, Blut, Blut und Gehirn.

Besonders schön aber ist meiner Ansicht nach, dass es in dieser Sendung keine Randgruppe gibt, die nicht auch eine Rolle spielt. Man muß es mal so sagen, einen Reporter, der so doll lispelt, dass jedes "s" bzw. "z" sich wie ein "th" (Ti-Eytsch) anhört, einen Bericht über den neuen Airbuth sprechen zu lassen - mutig mutig. Oder noch besser Airbuthe. Wunderschöne Sätze wurden da gethagt, äh gesagt. Einige meiner Lieblingswörter hier waren "Hauptinterethe" (kam gleich mehrfach vor), "Grothraumpathagierflutheuge" und in dieser Kombination tatsächlich aufgetreten: "tho thagen Ekthperten, ein Kampf bith aufth Mether".

Also, dann haben wir jetzt schon den richtigen Anfang mit Titellied und Zusammenfassung der letzten Sendung, eine emotionalere Sprache, ferkeligere Sprecher und tolle Randgruppen (letztere geben viele p.c.-Punkte). Was uns nun noch fehlt ist ein schöner Schluß. Und genau da hapert`s. Die Idee mit dem Wetter, schön und gut, kann man eventuell sogar noch drinlassen. ich würde sie aber eher im Hintergrund in verschiedene "Berichte" einbauen. Als Ende einer Serie, das den Zuschauer ermuntern, ja sogar zwingen muß, am nächsten Tag wieder einzuschalten, um zu sehen wie es weiter geht, ist es denkbar ungeeignet. "Mensch, hast du gestern "Das Leben stinkt" gesehen? Boaah, ey, was da wieder am Ende war... wie`s wohl heute weiter geht?? Ob es dann tatsächlich einen mäßigen Wind aus nördlichen Richtungen geben wird?? Wird am Ende das virtuelle Wetterflugzeug, das gestern leider gar nicht aufgetreten ist, seinen Flug von Nürnberg nach Worpswede fortsetzen oder ist es abgestürzt?"

Mel Brooks in 'Life stinks'Nein, so wird wohl kaum jemand am nächsten Tag von seinem Kollegen angesprochen werden. Überhaupt... es fehlt eine Kamerafahrt auf ein schockiert guckendes Gesicht. Helmuts zum Beispiel, als er die "Kohl muß weg"-Rufe hört, oder das des anderen Helmut, als er erfährt, dass er tot ist. Tja, so stell ich mir das vor. Ich bin sicher, der kleine unpolitische Student würde auch am nächsten Tag einschalten. Wer weiß, vielleicht starb Herr Fischer gar nicht an Krebs, sondern durch das Gift in seinen Schuhen, oder er ist in Algier oder im Kongo dahingemetzelt worden, also, ich muß sagen, da eröffnen sich doch grandiose Möglichkeiten. Dann interessiert es auch keinen mehr, wie das Wetter ist oder werden soll.

Mai 1997


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